Gründung – Selbstverständnis - Visionen
Einige Eltern und Lehrerinnen in Chemnitz (damals noch Karl Marx Stadt) hatten in den bewegten Herbstagen 1989 die Nase von ihrer bisherigen Schule ziemlich voll, arbeiteten in einer Bürgerinitiative und kamen letztendlich auf die Idee, selbst eine Schule zu gründen und auszuprobieren, wie es anders gehen könnte.
Irgendwie setzten sie das auch durch und hatten dann 1990 diese andere Schule. Sie nannten diese: Chemnitzer Schulmodell (CSM).
Man könnte das vielleicht auch anders darstellen.
Einige Erwachsene wollten sich mit dem bisherigen, festen, unveränderbaren Wissen nicht mehr zufrieden geben. Sie wollten Schule neu verstehen, Schule neu lernen. LERNEN!
Sie rauften sich zusammen – stritten über Inhalte und Ziele.
Mit Gefühl, Betroffenheit und Interesse arbeiten sie an der Umsetzung. Nur Teile ihrer bisherigen Erfahrung konnten sie dabei nutzen. So Vieles und so Verschiedenartiges, wie in dieser kurzen Zeit von dieser Gruppe gelernt und angewendet wurde, ist einerseits erstaunlich, andererseits auch folgerichtig.
Kontakte aufbauen, kommunizieren, im Team arbeiten, kooperieren, einfühlen, Rücksicht nehmen, flexibel sein, Risiken tragen, Ideen haben, erneuern, verändern, durchhalten – all dies wurde den Beteiligten abverlangt.
Dieses Beispiel soll mein uneingeschränktes „Ja" zum Lernen begründen. Besonders mein „Ja“ zum Lernen in Zusammenhängen, in Projekten.
Die Wendezeit ist nun schon ein Stück Geschichte. Die Schulen im Osten haben sich gewandelt.
In den neuen Bundesländern existieren neue Schulgesetze, neue Rahmenbedingungen, neue Inhalte. Das ist gut so. Aber auch diese Schule existiert nun seit 11 Jahren.
Prinzipiell sehe ich in der Art und Weise des Lernens dieser Erwachsenen keinen Unterschied zu dem von Kindern/Jugendlichen .
Sehr viele Erfahrungs / Problemsituationen unseres Lebens dürfen getrost den Untertitel „Lernen“ tragen, sei es nun die spezielle Urlaubsreise, der Umzug, die neue Arbeit, der Beginn einer Partnerschaft.
Manche dieser Projekte glücken und manche scheitern. Unabhängig davon lernen wir unvergleichlich viel in diesen Situationen, unsere Persönlichkeitsentwicklung wird tief geprägt.
Die Kompetenz, das eigene Leben zu gestalten, wächst.
Bei Hartmut von Hentig lasen wir:
- Verstehen ist für die Aneignung von Erkenntnis wichtiger als Wissen
- Lernen wird durch Zwang nicht gefördert
- Wo mit Interesse gelernt wird, ist Zeitverlust(das heißt: der Schüler verweilt
länger als geplant bei einer Sache) ein Zeitgewinn
- Vorbild und Mitmachen bewirken mehr als Belehrung
Gleiche Erfahrungen machten diese Menschen im Herbst 89 während ihres Lernprozesses Schulgründung.
Wissensexplosion und Wissenserneuerung sind in unserer modernen Gesellschaft immanent. Gesellschaftliche Rezepte für dieses neue Jahrhundert werden im Augenblick in Deutschland kontrovers diskutiert.
Trotz unterschiedlichster Vorschläge ist allen bewusst, dass die Globalisierung unserer Lebensumstände tief greifende Auswirkungen schon auf Deutschland hat und erst recht haben wird.
Ist formales Auswendiglernen von Fakten sowie deren Wiedergabe in Kontrollen eine geeignete Vorbereitung auf diese Veränderungen? Steckt hinter formal auswendig Gelerntem schon Erkenntnis und Einsicht oder gar Gestaltungsfähigkeit?
Solides Wissen, solide Techniken muss Schule den Schülern vermitteln. Dazu sagen wir „Ja“, uneingeschränkt.
Doch möchte ich noch einmal diese einfachen Grundsätze von Hartmut von Hentig wiederholen
- Verstehen ist für die Aneignung von Erkenntnis wichtiger als Wissen
- Lernen wird durch Zwang nicht gefördert
- Wo mit Interesse gelernt wird, ist Zeitverlust(das heißt: der Schüler verweilt
länger als geplant bei einer Sache) ein Zeitgewinn
- Vorbild und Mitmachen bewirken mehr als Belehrung
Dies kann doch aber nur ein handlungs und damit auch lebensweltorientierter Unterricht leisten.
Er kann ebenfalls Erfahrungsraum sein, in dem die vorhin genannten Eigenschaften wie Kontakt und Kommunikationsfähigkeit, Team und Kooperationsfähigkeit, Einfühlung und Rücksichtnahme, Flexibilität und Risikobereitschaft, Innovationsfähigkeit und Kreativität sowie Durchhaltevermögen und Belastbarkeit zwangsläufig trainiert werden.
Es müssen also solche Methoden gewählt werden, welche die Schüler zum selbständigen und aktiven Handeln motivieren (Lehrplan)
Ziel soll sein: Vorgesetztes, Vorgeschriebenes, Vorgedachtes zurückzudrängen zugunsten der eigenen Aktivität (C. Freinet); das Kind zur vertieften Arbeit kommen lassen (M. Montessori).
Meine Erfahrung ist, dass neben anderen Formen des handlungsorientierten Unterrichts (z.B. offener Unterricht, Freiarbeit, Gruppenarbeit, Arbeit an den Tages , Wochen und Monatsplänen, Gesprächskreise usw.) gerade dem Projektunterricht eine Schlüsselrolle zukommt.
Mein Gedankengang ist jedoch noch nicht folgerichtig zu Ende gebracht.
Wenn Schule ein komplexes System ist (Die Schulgründer waren Lehrer und Eltern und sogar Schüler), muss es also nicht nur heißen, Schule:
- hin zum Kind
sondern erst recht:
- hin zu den Eltern
- hin zu den Lehrern
Meine Vision vom CSM der Zukunft ist:
- dass es weiterhin ein wesentlicher Erfahrungs- und Lebensraum für
alle drei Beteiligten am Thema Schule bleibt,
- dass es im CSM immer ein „sowohl“ als „auch“ gibt,
einerseits Ritualisierungen in diesem Raum, die für Geborgenheit und Wohlbefinden sorgen,
andererseits Engagement und Lust auf das Neue/das Andere, damit wir weiterhin in Bewegung bleiben.